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Bakterien essen auch lieber Koteletts

Diese und andere Erkenntnisse konnte man Anfang August während der Tage der Industriekultur Rhein-Main gewinnen. Rund 15.000 Menschen nutzten die Gelegenheit, um hinter die Kulissen von Fabriken, Kraftwerken, Bahnhöfen und anderen industriekulturell bedeutenden Stätten zu schauen. Der Schwerpunkt lag dieses Jahr auf der Chemiebranche, aber es gab natürlich auch anderes zu sehen und kennenzulernen. Diese vom Förderkreis Industrie- und Technikgeschichte e.V. angebotene Fahrt führte z. B. vorbei an der Villa Kleyer, benannt nach Heinricht Kleyer, der 1885/86 die erste deutsche Fahrradfabrik, aus der später die „Adler Werke“ hervorgingen, und am Druckwasserwerk. Dabei erfuhren wir, warum einer der Türme des neu-romanischen Maschinenhauses höher ist als der andere: Im Zweiten Weltkrieg wurde der Westturm aufgestockt und mit einem Flak-Geschütz versehen, das die Rhein-Neckar-Brücke schützen sollte.

Ein weiterer Höhepunkt während der Tage der Industriekultur war für mich Rhein-Main-Deponie in Flörsheim-Wicker. Die hier angesiedelte Biogasproduktion erzeugt Strom für ca. 26.000 Einwohner bzw. für über 8.000 Haushalte. Ein Rohstoff für die Biogaserzeugung ist Biomüll. Davon fällt zwar im Winter etwa nur halb so viel an wie im Sommer, der „Sommer-Biomüll“ hat aber aufgrund höherer Gras- und Grünanteile einen geringeren Energiegehalt. Im „Winter-Müll“ ist also z. B. der Anteil an Fleischresten höher, so dass unser Tourführer meinte: „Die Bakterien sind schlau, die essen erst die Koteletts und dann das Gras.“ Klasse Idee nach der Führung durch die Deponie: Es fand noch ein Open Air Kino auf dem Deponiegelände statt. Umgeben von einer Dekoration mit mehreren Quadratmeter großen Plastikmüllwürfeln saß man gemütlich auf Bierbänken und konnte den beeindruckenden Film „Plastic Planet“ anschauen. Als Zuschauer fängt man nach dem Film unweigerlich an darüber nachzudenken, wo man zukünftig im Leben auch ohne Plastik auskommen kann …

Auch Kronberg am Taunus hatte sich richtig ins Zeug gelegt zu den Tagen der Industriekultur: Über eine Straße in der Stadt war ein großes Banner zur Ankündigung der Tage gespannt, es fanden sich Plakate an mehreren Stellen und es gab sogar einen separaten Flyer zur Ankündigung der Veranstaltungen und Angebote in Kronberg. Zwei davon habe ich mir angeschaut: Spielmanns Lokschuppen, der frisch restauriert dieses Jahr wiedereröffnet wurde, und die Maggi-Ausstellung in der Kronberger Burg. Der Lokschuppen vereint auf imposante Weise historische und moderne Elemente. Man konnte eine Ausstellung mit Sitzmöbeln der letzten Jahrzehnte anschauen. Eine Besucherin war extra deshalb gekommen, weil sie sich für ihren anstehenden Möbelkauf inspirieren lassen wollte. Und wer den Turm der Kronberger Burg in eine übergroße Maggiflasche eingehüllt sehen möchte, kann das noch bis Anfang September tun, inklusive einer kleinen, feinen Ausstellung zur Maggi-Geschichte.

Generell gibt es einige Angebote, in der Regel Ausstellungen, die nicht nur während der Tage der Industriekultur offen standen, sondern auch noch darüber hinaus. Ich empfehle zum Beispiel die große Überblicksausstellung „20 Jahre Gegenwart“ des Museums für Moderne Kunst auf dem alten Degussa-Areal in Frankfurt, die bis 9. Oktober läuft; danach sollen die Gebäude auf dem Gelände abgerissen werden und einem neuen Büro- und Geschäftskomplex weichen. Oder die Ausstellung „Wirklich rettende Maßnahmen“ im Modellbahnhof Glauburg-Stockheim, die man sich noch bis zum 28. August anschauen kann. Wer gar keine Zeit hatte bzw. hat für irgendeine der Veranstaltungen, sollte sich schon jetzt die letzte Sommerferienwoche 2012 vormerken: Dann finden die nächsten Tage der Industriekultur Rhein-Main statt.