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Sharing Economy und Crowdfunding – relevant für Wirtschaftsförderung?

Dieser Frage nachzugehen war mich ein wesentlicher Anreiz, an der Jahrestagung 2013 des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) teilzunehmen. Hierfür hatten sich heute etwa 150 Interessierte für Vorträge und Diskussionsrunden zum Tagungsthema „Geschäftsmodell Nachhaltigkeit. Wirtschaft und Wirtschaftsförderung in der Transformation“ in Berlin eingefunden.

In vielen Beiträgen ging es zunächst einmal um Begriffsklärungen und das Aufzeigen aktueller Entwicklungen, darunter die „Peer to Peer“-Produktion („Kollege zu Kollege“), wonach sich Gleichgesinnte, egal ob „Profi-“ oder „Laien-Experte“, aus eigenem Antrieb heraus an der Entwicklung von Produkten wie Open Software und Lösungen für bestimmte Probleme beteiligen. Beispiele sind das Betriebssystem Linux und der Internetbrowser Firefox. Weiterhin ging es um so genannte „Maker-Kulturen“ (also „Maker“ abgeleitet von engl. „to make“ = „etwas machen“), Open Innovation, Social Entrepreneurship, 3D-Drucken und Crowdfunding (internetbasierte Finanzierungsform, bei der kleine Geldbeträge von vielen Privatpersonen zur Finanzierung eines Projekts eingesammelt werden). Und die Frage, wie viel diese Entwicklungen mit „Nachhaltigkeit“ zu tun haben.

Die Diskussionen förderten zutage, dass all den genannten Trends und Initiativen nicht per se Nachhaltigkeitsansätze zugrunde liegen, es aber können und in einigen Fällen auch schon tun. Heißt zum Beispiel: Wenn ich für ein neues Projekt oder Unternehmen mittels Crowdfunding Finanzmittel akquiriere, muss es sich dabei nicht zwangsweise um ein ökologisches Projekt handeln. Anwesende Crowdfunding-Experten äußerten jedoch die Vermutung und zugleich Hoffnung, dass sich am Nachhaltigkeitsprinzip orientierte Projekte und Unternehmen langfristig bei der Finanzierung über Crowdfunding durchsetzen werden.

All diese Einblicke in aktuelle Entwicklungen fand ich sehr interessant. Die für mich spannendste Frage des Tages, inwiefern Wirtschaftsförderung diese Entwicklungen aufnehmen und darauf reagieren könnte oder sollte, kam aus meiner Sicht jedoch leider etwas zu kurz. Diesem Aspekt widmete sich immerhin ein kompletter Vortrag: Nicolas Zimmer von der Technologiestiftung Berlin (TSB) referierte über neue Herausforderungen für die Wirtschaftsförderung im Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell Nachhaltigkeit. Demnach sollte sich Wirtschaftsförderung in Zukunft weniger auf die Förderung von Einzelprojekten, sondern vor allem von Strukturen und Strategien konzentrieren. Und sie sollte die neuen Entwicklungen berücksichtigen und nicht nach den „klassischen“ Ansätzen der 1980er, 1990er Jahre (also jeden Arbeitsplatz erhalten zu wollen) arbeiten. Sie sollte demnach vor allem Infrastruktur bereitstellen, mit deren Hilfe Unternehmen Neues ausprobieren können.

Diese letztgenannte Forderung vertraten auch einige andere Referenten und Diskutanten. Die Forderung wurde dahingehend erweitert, dass der Staat auch nötige rechtliche Rahmenbedingungen schaffen muss, um neue (kollaborative) Geschäftsmodelle verwirklichen zu können. Weitere Vorschläge beinhalteten unter anderem, weniger rein technische Innovationen zu fördern, an der Öffnung von Innovationsprozessen anzusetzen und den Blickwinkel auf dezentrale Akteure und Technologien auszuweiten.

Für mich ergeben sich eine Reihe offener Fragen für die weitere Diskussion des Themas; drei davon möchte ich hier nennen und freue mich auch über weitere Diskussion:
–    Muss Wirtschaftsförderung in der Zukunft vielleicht auch auf Privatpersonen abzielen, um diese zur Beteiligung an kollaborativen und kreativen Prozessen, aus denen heraus neue Geschäftsmodelle entstehen könnten, zu gewinnen?
–    Sollte Crowdfunding in den „Standardkanon“ von Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen aufgenommen werden?
–    Und etwas allgemeiner: Ob und was Wirtschaftsförderung in der Zukunft tun kann und soll, um nachhaltigkeits- und nicht unbedingt immer gewinnorientierte Geschäftsmodelle (wie es viele der neuen Modelle vorläufig sind) zu fördern?

Übrigens werden alle Präsentationen, die auf der Tagung gezeigt wurden, und auch Filmaufnahmen unter www.geschaeftsmodell-nachhaltigkeit.org zum Download bereitgestellt.