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Weck(er)ruf an die Nachhaltigkeit

Pferdemist als Energiequelle für Einwohner in Hamburg, ein Klimawandel-Forschungszentrum in und mit (nicht für!) Afrika sowie die Nutzung von Mooren als Lieferanten von Bio-Rohstoffen wie Schilf – dies sind nur drei von sieben Beispielen für aktuelle Forschungsprojekte, bei denen es im weitesten Sinne um Nachhaltigkeitsaspekte geht und die von Wissenschaftlern zum Auftakt der Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung präsentiert wurden.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung berät die Bundesregierung kritisch bei der Entwicklung und Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie und wird jeweils für drei Jahre berufen. Auf der jährlichen Tagung des Rates wird sowohl ein Blick auf den aktuellen Stand der Strategie sowie auf konkrete Maßnahmen und Projekte zur Verwirklichung der Nachhaltigkeitsidee geworfen. Spannend war das für mich nicht zuletzt deshalb, weil wir beim fokus O. ja schon wieder mit den Planungen für unseren nächsten Oberurseler Werte- und Wirtschaftskongress begonnen haben und somit auch die Nachhaltigkeitsdebatte im Blick behalten.

Folgerichtig jedenfalls, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel – wie auch schon in den Vorjahren – zur Tagung kam und in ihrer Rede die Bedeutung und Umsetzung des Themas Nachhaltigkeit in der Politik erläuterte. Dabei fielen beispielsweise Schlagworte wie Nachhaltigkeitsindex (für den sie versprach, bei ihren Terminen mit Wirtschaftsvertretern zu werben), Energiewende (die sie als zentrales Projekt bezeichnet), Klimaabkommen (das Ende 2015 in Paris neu abgeschlossen werden soll) und Milleniumsziele (die 2015 auslaufen und somit weiterentwickelt werden müssen). Mehrfach zitierte Merkel Kofi Annans Aussage „Wohlstand und Nachhaltigkeit sind keine Gegensätze.“ Die Forderung der Vorsitzenden des Nachhaltigkeitsrates, Marlehn Thieme, dass ein Weckruf an die Menschen für Nachhaltigkeit nötig sei, erwiderte Merkel mit dem Angebot, dies gern zusammen mit dem Nachhaltigkeitsrat tun zu wollen. Thieme legte Merkel zum Abschluss auch überdeutlich nahe, mit Überzeugung und Entschlossenheit beim Thema Klimawandel in Europa voranzuschreiten – und erntete dafür tosenden Applaus.

Im Themenforum „Nachhaltige Unternehmensführung messen und bewerten“ ging es schwerpunktmäßig um Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass diese Berichterstattung nur dann Sinn macht, wenn auch die berichtenden Unternehmen etwas, d.h. nicht nur bürokratischen Aufwand, davon haben. Das könnten z. B. bessere Mitarbeiter und bessere Lieferanten sein. Allerdings seien noch lange nicht alle Indikatoren gefunden, um zu einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsberichterstattung zu kommen. In diesem Forum hätte ich die Meinung eines KMU-Vertreters bereichernd gefunden.

Etwas „kindlichen“ Schwung in die Tagung brachten ein KiKA-Moderator und drei Kinder, die vor einiger Zeit Forderungen an die Politik zur konkreten Umsetzung von Nachhaltigkeit erarbeitet hatten. Mit ausgewählten Forderungen, wie z. B. die AGB in sozialen Online-Netzwerken verständlicher zu formulieren oder Schokolade um zwei Cent je Tafel zu verteuern, um damit Projekte gegen Kinderarbeit zu finanzieren, konfrontierten sie sehr direkt Andreas Jung, MdB, den Vorsitzenden des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung. Dieser konnte den Jugendlichen nicht zusagen, dass tatsächlich alles umgesetzt werden kann, versprach aber, den Bundestagsfraktionen vorzuschlagen, die Jugendlichen zu einer Diskussionsrunde einzuladen.

Eine gelungene Abrundung der Tagung war der Auftritt von Konstantin Wecker, der Lieder mit aufrüttelnden Texten sang und sich dabei selbst am Klavier begleitete. Zudem forderte er „weniger Dagobert Duck, mehr Daniel Düsentrieb“ und rief seinen „Wecker-Ruf“ ins Publikum: „Wir brauchen nicht mehr Politik in der Kunst, sondern mehr Poesie in der Politik!“ Und an die Jugendlichen appellierte er: „Habt keine Angst, Außenseiter zu sein – Mitläufer haben wir schon genug!“

Leider weiß ich nicht, wie viele der sicherlich mehreren hundert Tagungsteilnehmer Unternehmensvertreter waren. Aus Gesprächen mit Unternehmen habe ich jedenfalls generell noch nicht den Eindruck, dass das Thema Nachhaltigkeit bei vielen ganz oben auf der Agenda stehen würde. Ich bin gespannt, inwiefern sich das vielleicht in den nächsten Jahren ändert.