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Glokalisierung gegen die Rezession

Dies war der Titel eines „hybriden“ Pausengespräches, an dem ich kürzlich teilgenommen habe. „Hybrid“ deshalb, weil wir offline vor laufender Kamera stehend mit online dazugeschalteten Beteiligten diskutiert haben. Das konnten wir unter besten Bedingungen im „Thiiird Place“ tun, einem wunderbaren Ort zum Tagen und Arbeiten in Oberursel.

Es ging um die Frage, inwiefern globales Denken und lokales Handeln (= „Glokalisierung“) Lösungen gegen die sich abzeichnende Rezession bieten kann. Nicht ganz überraschend bestätigte sich dabei meine Vermutung, dass „das Lokale“ in den letzten Wochen immer stärker gefragt ist, und dies immer mehr in Kombination mit „dem Digitalen“, was ja wiederum leichter „das Globale“ ermöglicht. Hier verrate ich gern ein paar Erkenntnisse und Ergebnisse unseres Gesprächs:

1) Oberursel hat, wie auch viele andere Städte, kurz nach Beginn der Corona-bedingten Kontaktsperren eine Online-Übersicht über lokale Geschäfte, Restaurants, Dienstleister und weitere Betriebe gestartet, die innerhalb der Stadt etwas liefern. Titel: „Wer liefert“. Ulrike Böhme, die Leiterin der Oberurseler Wirtschaftsförderung, offenbarte nun, dass dieses Portal derzeit zu einer umfassenden Online-Plattform weiterentwickelt wird. Diese soll auch über die Corona-Krise hinaus bestehen und noch mehr als ein Lieferportal bieten, beispielsweise Bestell- und Kaufmöglichkeiten ohne räumliche Begrenzung. Auf www.oberurselimdialog.de gibt es dazu demnächst weitere Informationen.

2) Das in Oberursel ansässige Unternehmen ZES ZIMMER Electronic Systems GmbH setzt darauf, seine Lieferketten so lokal wie möglich zu halten. Das verriet Bernd Neuner, der als Director of Sales, Applications & Support bei ZES die globale Vertriebs- und Supportinfrastruktur verantwortet und schon seit vielen Jahren an Telearbeit gewöhnt ist. Das gelte jedoch natürlich nicht für alle MitarbeiterInnen – viele mussten sich in der letzten Zeit an das Home Office gewöhnen, während die in der Produktion Beschäftigten neue Regeln wie z. B. Abstand einhalten müssen. Neuner glaubt, dass zukünftig neue Formen der Kommunikation in der Wirtschaft notwendig sind, diese jedoch bewährte Formate wie vor allem Messen und persönliche Gespräch nicht komplett ersetzen werden können.

3) Dass die Provinz progressiv sein kann und muss, stellte Jule Lietzau heraus – zum Gespräch dazugeschaltet aus Schleswig-Holstein. Sie ist bei CoWorkLand, einer Selbstorganisation für CoWorking-Space-BetreiberInnen im ländlichen Raum, für Begleitforschung, Beratung und Projektentwicklung zuständig. Jule ist überzeugt davon, dass die Menschen mehr Verantwortung für ihre Regionen übernehmen und sie dann auch mitgestalten sollten. Was im Fall von CoWorkLand als genossenschaftliche Organisation schon sehr gut funktioniere. Sehr zum Nachahmen geeignet finde ich das Angebot für PopUp-CoWorking: Mit mobilen CoWorking-Containern können neue Standorte für CoWorking getestet werden.

4) Zukünftig führt auch in bislang „sehr analogen“ Tätigkeitsfeldern wie beispielsweise meinem eigenen kaum noch ein Weg an digitaler Arbeit vorbei. Ich berichtete in der Gesprächsrunde, dass ich selbst in letzter Zeit neue digitale Gesprächs- und Arbeitsformate kennengelernt und getestet habe. Beispielsweise habe ich online eine kollegiale Beratungsgruppe für Unternehmerinnen in Oberursel gestartet, deren Teilnehmerinnen diese Runden mit ihrer Mischung aus Erfahrungsaustausch und gemeinsamer Ideen- und Lösungsfindung nicht mehr missen möchten. Ich arbeite wie Bernd Neuner an der Frage, wie sich zukünftig mehr digitales Arbeiten mit den Umständen angepassten „Offline“-Arbeits- und Kommunikationsformaten verbinden lässt, und welche anderen, neuen Formate es für letztere geben kann.

Graphic Recording unseres Pausengespräches von Sabine Soeder:

Die beiden Moderatorinnen unseres Pausengespräches, Andrea Maurer-Schlangen (CMMaurer GmbH) und Friederike Anslinger-Wolf (FAW Coaching), stellten fest, dass wir alle inklusive ihnen selbst in der letzten Zeit unsere persönlichen Komfortzonen deutlich verlassen mussten und auch weiterhin müssen. Dabei hilft es, Kreativität einzusetzen, lokale Netzwerke zu nutzen, Neues zu testen, Fragen zu stellen, Heimvorteile auszuspielen, digitale Chancen auszuschöpfen … und sich immer vor Augen zu halten: Verändung kommt auf jeden Fall!

Das Pausengespräch fand am 18. Mai 2020 statt. Es war das dritte von insgesamt drei Gesprächen dieser Art, die unter dem Gesamtmotto „Radical New Work – Unsere Arbeitswelt Post-Corona“ standen. Die Aufzeichnungen der Pausengespräche sind abrufbar auf der Webseite des Thiiird Place unter www.thiiirdplace.de oder einzeln und direkt unter folgenden Links:
Pausengespräch 1 „Die Komfortzone verlassen tut gut“ am 04.05.2020: Link
Pausengespräch 2 „Kreativität braucht keinen Sitzsack“ am 11.05.2020: Link
Pausengespräch 3 „Glokalisierung gegen eine Rezession“ am 18.05.2020: Link